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Titel
Subventionierte Hegemonie. Die Offset-Abkommen als bilaterales Instrument währungspolitischer Kooperation zwischen der Bundesrepublik Deutschland und den USA (1960–1976)


Autor(en)
Hofmann, Jens
Reihe
Historische Grundlagen der Moderne
Erschienen
Baden-Baden 2022: Nomos Verlag
Anzahl Seiten
481 S.
Preis
€ 109,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Hubert Zimmermann, Institut für Politikwissenschaft, Universität Marburg

Eines der langwierigsten, heute aber nahezu vergessenen Streitthemen der deutsch-amerikanischen Beziehungen nach 1945 waren die sogenannten Offset-Verhandlungen. In diesen hart umkämpften Verhandlungen ging es seit den 1950er-Jahren um einen Ausgleich für die Devisenkosten, welche für die Vereinigten Staaten aufgrund der in Deutschland stationierten amerikanischen Truppen anfielen. Eine ganz ähnliche Problematik belastete auch die deutsch-britischen Beziehungen.1 Die amerikanischen Devisenkosten (d.h. der notwendige Umtausch von Dollar in D-Mark) waren aufgrund der mehrere 100.000 Personen umfassenden Stärke der US-Streitkräfte jedoch so hoch, dass sie das damals auf festen Wechselkursen beruhende internationale Währungssystem von Bretton Woods gefährdeten. Der Dollar geriet seit 1958 immer wieder unter Druck auf den internationalen Märkten (wozu aber auch viele andere Faktoren beitrugen). Das Thema betrifft also die nicht enden wollende allianz-interne Lastenteilungsproblematik, die kürzlich unter Donald Trump wieder eskalierte.

Entgegen der Aussage im vorliegenden Buch (S. 15) sind die höchst konfliktreichen Offset-Verhandlungen durchaus schon umfassend – und zwar auch mit historischen Methoden – untersucht. So beispielsweise durch den Verfasser dieser Rezension2 sowie F. Gavin3, die beide ihre Monographien als Historiker verfassten, auch wenn sie mittlerweile in die Politikwissenschaft gewechselt sind. Erwähnenswert ist auch die detaillierte Untersuchung von Thomas Holderegger über die trilateralen Verhandlungen 1966/67.4 Diese Arbeiten sind aber mittlerweile schon fast zwei Jahrzehnte alt; insbesondere die vorrückende 30-Jahressperrfrist bietet also viel neues archivalisches Material zu den Offset-Verhandlungen der 1970er-Jahre, das in „Subventionierte Hegemonie“ sorgfältig und umfassend ausgewertet wurde.

Zu den 1960er-Jahren sind allerdings wenig neue Bestände offengelegt worden, und teilweise gab es sogar Reklassifizierungen bisher zugänglicher Akten. Insofern sieht auch die Studie von Hofmann den zentralen Beitrag des eigenen Werks in der detaillierten Aufarbeitung der Zeit nach 1969, womit sie zweifellos eine Forschungslücke schließt. Die in der Studie behaupteten Korrekturen am Forschungsstand zu den 1960er-Jahren sind hingegen eher marginal, so dass sich nicht erschließt, weshalb diese Geschichte so ausführlich auf 250 Seiten noch einmal aufgearbeitet werden musste, auch wenn eine Vielzahl neuer Details aus den Akten berichtet werden. Auch die einleitenden konzeptionellen Bemerkungen zum deutsch-amerikanischen Hegemonialverhältnis und zur Funktion von Zahlungsbilanzen wirken etwas verloren, da sie keine analytische Funktion für das eigentliche Erkenntnisinteresse besitzen, welches auf die Lücken der empirischen Rekonstruktion abzielt sowie auf Korrekturen an bisherigen Interpretationen. Eine Vielzahl solcher Präzisierungen, insbesondere zur etwas oberflächlichen Studie von Gavin, nimmt Jens Jost Hoffmann jedoch auf der Basis einer detaillierten Auswertung einer enormen Menge an Archivmaterial vor.

Der innovative Kern der Arbeit liegt aber, wie erwähnt, in der akribischen Rekonstruktion der Offset-Abkommen ab 1969, die auf über 100 Seiten auf der Basis neu eröffneter Archivbestände erfolgt. Eng an den Quellen schildert der Autor den Weg hin zur Beendigung des Devisenausgleichs als Streitfrage der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Dabei argumentiert er (sich damit abhebend von der Studie des Rezensenten) für einen klaren Primat der Sicherheitspolitik in der vorliegenden Frage und zeigt, dass der von den amerikanischen Regierungen und vom Kongress immer wieder angedrohte Abzug der Truppen eine wenig realistische Drohkulisse war.

Insgesamt ist das Buch eine umfassende neue Bestandsaufnahme einer zentralen Problematik des transatlantischen Verhältnisses, die in vielen Bereichen Neuland erschließt. Allerdings erscheint das zuweilen recht explizit betonte Ausmaß der Neuinterpretation der Geschehnisse durch die Studie etwas hoch gehängt, denn eine fundamental neue Deutung wird hier nicht geboten. Dazu hätte wohl das Material in ein alternatives, umfassendes Interpretationsschema eingebettet werden müssen, etwa als Fallstudie zur Dynamik von Lastenteilungskonflikten zwischen Demokratien. Diese werden schließlich mit Sicherheit auch weiterhin das Verhältnis zwischen Berlin und Washington auf viele Jahre hinaus belasten.

Anmerkungen:
1 Hubert Zimmermann, The Sour Fruits of Victory: Sterling and Security in Anglo-German Relations during the 1950s and 1960s, in: Contemporary European History 9 (2000), S. 225–244.
2 Zimmermann, The Sour Fruits, S. 225–244; Hubert Zimmermann, Money and Security. Troops and Monetary Policy in Germany's Relations to the United States and the United Kingdom, 1950-71, Cambridge 2002; Hubert Zimmermann, '...they've got to put something in the family pot!’ The Burden Sharing Problem in German-American Relations, 1960-1967, in: German History 14 (1996), S. 325–46.
3 Francis Gavin, Gold, Dollars and Power. The Politics of International Monetary Relations, 1958-1971, Chapel Hill 2004.
4 Thomas Holderegger, Die trilateralen Verhandlungen 1966/67. Der erste Schritt der Administration Johnson zur Lösung der NATO-Krise, Zürich 2006.

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